Selbstgemachte „Wahrheit“ ist käuflich

Viel wurde über Fake News diskutiert, berichtet und Gesetze dagegen entworfen. Nicht, dass das jemanden interessieren würde, es wird munter weiter Erfundenes in die Luft geblasen und von den chronisch Sozialmedienabhängigen für bare Münze genommen. Wie mich das – Entschuldigung – ankotzt!

Wer im stillen Kämmerlein herumsitzt und sich mangels Frischluft seine eigenen Wahrheiten zurechtspinnt, wurde früher müde belächelt und weitgehend sich selbst überlassen. Isser wenigstens vonne Straße, woll? Wer heute meint, irgendeine selbsterdachte Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben, posaunt sofort jede noch so abstruse „gefühlte Wahrheit“ über alle verfügbaren Kanäle in die Welt hinaus – und es sind inzwischen erschreckend viele dieser Kanäle verfügbar, Internet sei Undank.

So lange das nur Spinner und Verschwörungstheoretiker taten, hatte man wenigstens was zu lachen beim täglichen Querlesen der „Kurioses“-Meldungen in den Zeitungen. Doch da mittlerweile ja absolut alles im Netz als Gelddruckmaschine genutzt wird, sind sogar die Fake News inzwischen zum guten Geschäft verkommen. Nix mehr mit „Ich habe das Monster von Loch Ness gesehen!“, sondern gezielt gestreute Falschmeldungen, um die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Und diejenigen, in deren Sinne da beeinflusst wird, lassen sich das ordentlich was kosten, wie eine EU-Studie herausfand.

Im anonymen Darknet kann man sich ganze Pools von Fake-News-Erstellern einkaufen, die dann gezielt Tweets, Instagram- und Facebook-Posts absetzen, um die Leser aufzuhetzen, Politiker und Journalisten zu diskreditieren oder öffentliche Ereignisse wie Wahlen und Abstimmungen zu lenken. Aldous Huxley rotiert im Grab, so sehr hat die Realität seine „Schöne neue Welt“-Vision bereits überholt.

Eine Sicherheitsfirma hat im Auftrag der EU Anbieter ausfindig gemacht, welche ihre Dienste zum Streuen von Unwahrheiten anbieten. Aus Russland, China und auch dem englischsprachigen Raum kamen die Angebote: Das Provozieren von Protesten kostet rund 200.000 Dollar, die Beeinflussung von Wahlen 400.000 Dollar, die Vernichtung des Rufes eines Journalisten ist bereits für 55.000 Dollar zu haben. Unbezahlbar hingegen ist die damit einhergehende Schwächung des Vertrauens in die staatlichen Institutionen. Propaganda ist mächtig, besonders, wenn sie sich gegen einen selbst richtet, wie auch unsere deutschen Politiker immer wieder erfahren müssen. Im popularisierten Ostblock ist besonders gerne die Kanzlerin Ziel von Falschmeldungen – so wird zum Beispiel behauptet, dass sie persönlich Steuergelder freigegeben habe, um Flüchtlingen Besuche bei Prostituierten zu ermöglichen. Und die Leute glauben das dann – steht ja im Netz, muss also stimmen.

Genau NICHT!

Ich habe es an dieser Stelle schon sehr häufig thematisiert und kann mich nur selbst wiederholen: Im Internet ist bei weitem das Wenigste wirklich echt und wahr. Es wird manipuliert, wo es nur geht, sei es in veränderten Fotos oder nicht nachprüfbaren, übertriebenen Texten. Das war schon immer so und es wird rasant schnell schlimmer, denn inzwischen ist nicht nur jede Menge Geld im Spiel, sondern auch der öffentliche Frieden akut in Gefahr. Es geht nicht mehr nur um Spinner, die Idiotisches wie „Putin frisst kleine Kinder“ irgendwo verbreiten, sondern um subtilere und damit weniger leicht erkennbare falsche Meldungen.

Gerade machte nach der Schießerei in München in den angeblich sozialen Medien das Foto eines Personalausweises die Runde, in der festen Annahme, der Ausweis zeige den Täter. Was aber nicht stimmte und von der Polizei auch sofort als falsch kommentiert wurde. Dennoch kursiert das Foto weiter, wird geteilt und sofort eine Verschwörung vermutet hinter dem Dementi der Polizei. Da kann man als noch selbst denkender Mensch nur ausgiebig mit dem Kopf auf den Tisch schlagen. Auch zum Hochhausbrand in London mit Toten und Verletzten wusste die Sozialnetzwerker nichts Besseres, als sofort alte Verschwörungstheorien auszugraben und den Vergleich zu 9/11 zu ziehen, am Brand in London sähe man ja, dass der Einsturz in New York damals nicht mit rechten Dingen zugegegangen sei und so weiter und so fort. Hallo? Da sterben in der exakt selben Minute Menschen in den Flammen und irgendein vermutlich in Unterhose pizzafressend am Rechner hockender Nerd hat nix besseres zu tun, als uralte Theorien an den Haaren herbei zu zerren?

Sowas macht mich einfach nur wütend. „Sozial“ ist an den ganzen Bescheuerten-Netzwerken nämlich rein gar nichts, im Gegenteil: Jeder hockt nur noch alleine vor dem Rechner oder seinem Wischtelefon und tauscht sich schriftlich mit anderen Doofen aus, die auch nicht mehr vor die Tür gehen. Wo ist denn das bitte sozial? Soziopathisch – unfähig, soziale Kompetenzen wie Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Unrechtsbewusstsein zu entwickeln – trifft es eher. Sind ja immer andere, mich betrifft es nicht. Sind ja nur Bilder, keine echten Menschen, kann man sich ruhig drüber lustig machen. Was soll’s, wenn ich meinen Chatpartner anlüge oder sonstwas für Blödsinn verbreite, kriegt ja keiner mit, kann ja keiner was beweisen, ist ja nur das anonyme Internet. Zum – ich wiederhole mich ungern – kotzen ist das alles.

Um mal den alten Plattspruch aus den 70er Jahren zu revitalisieren: „Niemand ist eine Insel.“ Diese ganzen Netzwerke, wie immer sie auch heißen mögen, fördern nichts anderes als den Egozentrismus des Individuums. Ich bin der Tollste, ich muss im besten Licht dastehen, ich hab die besten Klamotten, bin an den coolsten Orten, ich hab den schönsten Körper, ich krieg für aggressive Produktplatzierungen, mit denen ich schon Kinder zu willenlosen Kosumzombies mache, eine riesige Menge Kohle, ich, ich, ich. Das, Herrschaften, ist aber alles kompletter Unsinn und hilft niemandem, im Alltag zurechtzukommen. Was nützen all die zusammengerafften materiellen Dinge, mit denen man auf Instagram angeben kann, wenn man keine Freunde im echten Leben hat? Was nützen tausend Follower, zehntausend Likes und hunderttausend Abonnenten des Youtube-Kanals, wenn man draußen vor der Tür vor lauter Abgehoben-Sein den Weg zum Bäcker nicht mehr findet?

Was haben wir doch hier für eine traurige Welt.

Findet Ihre Gertrud,

die jetzt ganz oldschool ein Buch zur Hand nehmen wird. Aus Papier. Komplett ohne Bildschirm, ohne Wischen, ohne Fake News und Produktplatzierungen.

Welch eine Wohltat.

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