Es is net so, dass i mi nit a für Kultur interessier

Wie Sie wissen, liebe Leser, ist Ihre Gertrud ja grundsätzlich für jeden Scheiß zu haben. Aber Volksmusik? Der Chef pries mir seinen geliebten Hubert von Goisern in den schillerndsten Farben an, über viele Jahre hinweg. Meine Skepsis blieb. Akkordeon und Jodeln? Und dann heißt er auch noch Hubert, was soll da schon bei rauskommen? Immerhin komme ich aus der Rockmusik, habe jahrelang Bass gespielt in einer *richtigen* Band. Da kann man mir doch bitte nicht mit einem jodelnden Österreicher kommen.
Irgendwann hatte der Chef die Nase voll und zwang mich regelrecht, mir ein Konzert im Fernsehen anzuschauen. „Das musst du jetzt machen, damit deine Vorurteile mal abgebaut werden!“ Und wer bin ich, ihm zu widersprechen? Also setzte ich mich – ehe er mich fesseln konnte – brav aufs Sofa, rollte hingebungsvoll mit den Augen, nahm mein Strickzeug und ließ es über mich ergehen.
Anfangs.
Doch schon nach wenigen Minuten stellte ich fest, dass es sich beim Herrn von Goisern um einen grandiosen, virtuosen Musiker handelte. Und bei seinen Bandkollegen ebenfalls. So schlecht war das alles gar nicht. Doch da waren sie wieder, meine zwei Probleme: Ich verstand kein Wort und der Mann spielte ein verdammtes Akkordeon!


Foto: Fersterer

Immerhin war mein Interesse nun geweckt und ich stand der Musik HvGs nicht mehr vollkommen stur gegenüber. Was der Chef sofort ausnutzte und mich in den nächsten Wochen mit allem bombardierte, was er so vorrätig hatte – und das war eine Menge. Hubert von Goisern nämlich beschreitet keine ausgetretenen Pfade, sondern sucht sich immer seine ganz und gar eigenen. Hindernisse gibt es für ihn nicht, er geht einfach dort hin, wo etwas sein Interesse weckt. So ist wirklich jedes Album eine neue Welt für sich – inspiriert vom Traditionellen, vom Blues, von afrikanischen Rhythmen oder nepalesischen Gesängen. Eine abenteuerliche Achterbahnfahrt für jeden, der sich darauf einlässt. Was ich tat – ich tanzte ausgelassen durch die Druckerei zum fröhlichen afrikanischen „Akipenda“, saß staunend und reichlich verwirrt auf dem Sofa bei „Inexil“ und tauchte mit den „Trad“-Alben tief ein in die traditionelle Musik Österreichs.
Eben genau da liegt der Knackpunkt des Hubert von Goisern: Es ist Volksmusik – aber eben richtige, aus dem Volk kommende Musik und nicht der Schmonzes, der einem vom Fernsehen angeboten wird. Marianne und Michael, Florian Silbereisen, Karl Moik und wie sie alle heißen machen nämlich tranigen, volkstümelnden Schlager und damit eigentlich gar keine Musik, schon gar keine aus dem Volk kommende, sondern billig produzierten Massen-Mist für bierselige Schunkel-Abende. Das hat rein gar nichts mit echter Volksmusik zu tun, soviel hatte ich beim Studium der früheren Goisern-Alben schnell verstanden.
Und dann kam im letzten Jahr das Album „Federn“, das wieder eine ganz neue Richtung einschlug und diesmal mit Anklängen an Cajun-Musik, Blues und Country überraschte. Man merkte deutlich die amerikanischen Einflüsse – HvG war dafür lange in den USA unterwegs gewesen. Er hatte, wie es so seine Art ist, viel mit einheimischen Musikern zusammengearbeitet, um deren Spielweise und ihre Wurzeln zu verstehen und seinerseits interpretieren zu können. Leicht gemacht haben es ihm die ach-so-weltoffenen Amerikaner allerdings nicht, denn wie Hubert selbst sagte sind sie mit ihrer Musik genau so sturköpfig wie die Traditionskapellen Österreichs. Sie wollten weder mit ihm noch für ihn spielen, so artete das Ganze in großen Frust aus, doch davon lässt sich ein Goiserer ja nicht aufhalten.
Endgültig zum Fan wurde ich mit diesem Album, speziell mit dem Song „Snowdown“, der Whistleblowern wie Chelsea Manning und Edward Snowden gewidmet ist, für die ich als Journalistin einen naturgegeben Faible habe. Zeilen wie „de wahrheit de suacht um asyl, aber kriag’n tuat si’s nia. weil ma z’feig san dafür? oder was oder wia…?“ („Die Wahrheit sucht nach Asyl, aber sie bekommt es nicht. Weil wir zu feige dafür sind oder was oder wie?“) trafen wahrlich einen Nerv bei mir. Und inzwischen hatte ich mich auch eingehört in den Dialekt, so dass ich das meiste auf Anhieb verstand.
So war es dann auch endlich an der Zeit, ein Konzert des Meisters zu besuchen. Ende September bot sich die Gelegenheit in Hamburg, Große Freiheit, ein traditionsgeladenes Pflaster für Musiker und so manchen anderen Paradiesvogel, wie unser Gast aus Israel höchst fasziniert beim Anblick einiger Transvestiten feststellte. Unser Gast spielt auch Akkordeon, allerdings eher nicht ganz so experimentell wie Hubert.
Ich war reichlich gespannt und hatte mir mit dem Chef zusammen einen Platz in der ersten Reihe erkämpft, so nah an der Bühne, dass man wirklich jede Regung der Musiker verfolgen konnte. Unglaublich, wie sehr diese Truppe auch nach gut 400 gemeinsamen Konzerten noch in ihrer Musik aufgeht – und wie gut sie sich verstehen. Das Konzert wirkte alles andere als „abgespult“, wie man es manchmal bei anderen Künstlern hat. Eingespielt dagegen schon.
Severin an der Gitarre, eigentlich ein bescheidener, eher schüchterner Typ, geht voll in seinen verträumten Soli auf. Alex am Schlagzeug ist eine richtige Rampensau, immer in Bewegung und kann dabei sogar noch singen und jodeln. Helmut am Bass beeindruckt mit wirklich druckvollen, flüssig-melodiösen Bassläufen, wo andere Bassisten sich auf ein Hintergrundbett beschränken. Und dann ist da noch Bob an der Pedal-Steel, für mich der heimliche Star des Abends. Als Amerikaner versteht er nämlich kein Wort von den Texten, singt aber fleißig seine eigenen dazu. Ein bisschen wirkt er wie aus der Muppet-Show geklaut, wenn er mit seiner unfassbar guten Laune hinter seinem Instrument sitzt und seine grandiosen Slides abliefert.
Auch wieder etwas, das eigentlich unmöglich scheint: Ein Hillbillie-Dixie-Country-Instrument auf einer blueslastigen Bühne, auf der auch noch verschiedene Ziehharmonikas, ein Alphorn, Mundharmonikas und ein (schätze ich) Euphonium wohnen? Jedem Musiklehrer platzt wahrscheinlich das Hirn bei dieser Kombination, aber Hubert von Goisern kann all das unter einen Hut bringen. Und dazu auch noch jodeln, und zwar ohne, dass es altbacken klingt – Respekt!
Ein bisschen aufgefallen sind der Chef und ich dann auch noch, weil wir in unserer Euphorie den Roadie Hannes lautstark gefeiert haben. Der hat nämlich während eines Instrumentalstückes einen großen Auftritt als Anheizer für das Publikum und wir ließen ihn äußerst stimmgewaltig hochleben. Die Umstehenden haben das nicht so recht verstanden, aber Hannes und die Band haben sich köstlich amüsiert. So sehr, dass wir uns am nächsten Abend in Oldenburg nicht zurückhalten konnten und das Ganze wiederholten. Vermutlich gehen wir jetzt als „Erster norddeutscher Hannes-Fanclub“ in die Annalen der Tour 2016 ein, aber das war es wirklich wert. Denn so kannte er unsere Gesichter und beschied unsere nach dem Konzertende höflich gebrüllte Frage, ob wir die Set-List als Andenken mitnehmen dürften, mit einem huldvollen Nicken positiv. Vielen Dank dafür, Hannes, die Liste wird feierlich eingerahmt und als kostbare Reliquie zukünftig unser Büro zieren!
Unendlich viele kleine Begebenheiten machen diese Konzerte unvergesslich und ich bin wahnsinnig dankbar dass ich das erleben durfte. Denn beim Hubert weiß man nie, was ihm als nächstes einfällt und er hat in seiner kleinen Mitteilungs-Ecke auf der Homepage eine längere Pause angekündigt. Die letzte dauerte sieben Jahre… Wollen wir hoffen, dass er diesmal nicht so lange verschwindet! Denn ich möchte gern noch einmal sehen, wie er sich über sich selbst kaputt lacht, weil er den eigenen Text durcheinanderbringt. Wie er sich zusammen mit Severin in eine regelrechte Trance spielt. Wie er mir mit dem Alphorn die Haare trocken föhnt (selbst Schuld, was steh ich auch ganz vorn am Bühnenrand…). Wie Hannes das verlorene Plektrum des zerstreuten Severin mit der Taschenlampe suchen muss. Wie Bob sich hinter seinem Instrument hervortraut und eine normale Gitarre in die Hand nimmt. Wie Helmut auf seine sehr, sehr spezielle Art tanzt. Wie Alex hinter seinem Schlagzeug hervorhuscht, um auf einer merkwürdigen Mischung aus Zither und Xylophon, dessen korrekter Name mir im ganzen Internet nicht über den Weg gelaufen ist, die „Deux petites melodies“ zu begleiten. Die Atmosphäre auf der Bühne wird mir fehlen, fünf Leute, die sich sehr genau kennen, gut auf einander eingespielt sind und von denen niemand den anderen etwas beweisen muss. Dieses freie Aufspielen mit Raum für jeden und seine Macken ist einfach zu schön anzuschauen.
Vermutlich wird Hubert aber uns alle überraschen und mit einer ganz anderen Besetzung zurückkehren, wann auch immer. Er hat da sowas angedeutet, aber er blieb wie immer vage. Denn wahrscheinlich weiß er selbst noch nicht, wohin es ihn treiben wird und was er dann von dort – wo auch immer das sein wird – mitbringt. Ich bin sehr gespannt.
Ihnen, liebe Leser, empfehle ich derweil jede einzelne CD und DVD, die es von Hubert von Goisern gibt. Es ist wirklich für jeden Geschmack etwas dabei, das verspreche ich Ihnen hiermit. Und wenn Sie besondere Vorlieben haben, fragen Sie einfach den Chef, der kann Ihnen das richtige Album für Sie zum Einstieg nennen. Auch die DVDs sind es allesamt wert, angesehen zu werden. Ob man mit HvG nach Afrika reist oder per Schiff die Donau rauf und runter, ist vollkommen egal, interessante musikalische und menschliche Begegnungen sind garantiert. Oder wie wäre es zum Anfang mit „Brenna tuats scho lang“, dem Kinofilm über den Werdegang des zwischen „Alpenrocker“ und „Weltmusiker“ wirklich schwer einzuordnenden Musikers? Dort wird von Beginn mit den Alpinkatzen, einer oftmals eher spaßigen Kombo, bis zur derzeitigen Federn-Tour alles einmal abgeleuchtet, sehr sehenswert.
Hubert von Goisern ist immer über den engen Tellerrand von Bad Goisern am Hallstättersee, seinem Heimatort, hinweg geklettert, um einen weiteren Horizont sehen zu können. Und dennoch hat er nie, wie schon seine Künstlernamenswahl zeigt, seine Wurzeln vergessen oder verleugnet. Im Gegenteil, er hat immer wieder aufs Neue bewiesen, dass Goisern überall ist – und die ganze Welt in Goisern.

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