Ein alter Bleckeder erinnert sich: Nie wieder Fernsehen!

Schnellpresse Bleckeder Zeitung
Diese alte Schnellpresse wurde von der Stadt Bleckede für ein geplantes Druckereimuseum gekauft, zu dem es nie kam. Schade, denn das gesamte Druckereiinventar gehörte dazu.
Im Meissner Verlag selbst ist ja nie gedruckt worden.
Apropos drucken: Ich habe einmal erlebt, dass ein Mitarbeiter auf eine Kranzschleife gedruckt hat: „Ruhe sanft von beiden Seiten“. Dabei hatte der Setzer nicht aufgepasst, denn er sollte auf beide Seiten „Ruhe sanft“ drucken. Nun blieb nichts anderes übrig, eine neue teure Kranzschleife musste her…
Aber zurück zur Familie Meissner. Vor dem Krieg wohnte Otto Heinrichs Bruder in Japan und hieß deshalb unter uns „Japan-Meissner“. Frau Clara Meissner war eine sparsame wie tüchtige Gärtnerin, ihr sehenswerter blühender Richtergarten wurde lobend in einigen einschlägigen Zeitschriften erwähnt.
Wir hatten damals in der städtischen Mittelschule in der Lauenburger Straße sogar Steno-Unterricht. Jeden Morgen kam unser Lehrer, genannt „Steno-Müller“, extra mit dem Zug aus Lüneburg, um uns zu unterrichten.
Darüber war man im Meissner-Verlag sehr glücklich und die Firma wurde zu einem begehrten Ausbildungsplatz. Steno-Kenntnisse waren gefragt und wie uns später Elisabeth Blanquett einmal erzählte, wurden die Auszubildenden häufig mit Block und Bleistift in den Richtergarten am Schloss zum Diktat gebeten.
Sie auch.

Walliers Vorfahren waren Barskamper
Hans Herbert Wallier hat zur selben Zeit wie Dr. phil. Jürgen Byl im Meissner Verlag gearbeitet. Ich war mit beiden befreundet. Walliers Vorfahren stammten aus Barskamp, sein Großvater war dort Lehrer und Organist. Hans Herbert gründete nach seiner Zeit in Bleckede in Hamburg-Nienstetten eine Druckerei mit Verlag und druckte mit unserer Hilfe, das heißt: zeitweise arbeiteten zwei bis drei Mitarbeiter von uns in Hamburg bei ihm. Er bezahlte mir dann ihre Arbeitszeit und ich den Lohn und Spesen.
Das war schon so etwas wie „Zeitarbeit“ und unter befreundeten Firmen kein Problem. So etwas ist heute in unserer Branche unvorstellbar, war aber in den 50er Jahren nichts Besonderes. Wallier hatte übrigens seine Firma in der Nähe der Elbchaussee bei „Dill sein Döns“. Er muss gut verdient haben, hatte aber auch reich geheiratet. Und als er uns sein neues Haus vorstellte, verriet er meiner Frau und mir, dass er sich erst einen extrem teuren Teppich gekauft und danach die große Stube nach dessen Größe gebaut habe.
Aber weder Dr. Byl noch Wallier leben noch.

Den Führerschein zurückgegeben
Dr. Jürgen Byl hatte übrigens wie Wallier eine ältere Dame geheiratet.
Jürgen allerdings erst mit 60 Jahren eine Bibliothekarin, die sich auf seine Annonce gemeldet hatte: „Frau gesucht für Hausarbeit, Bügeln usw.“ Sie sorgte erst einmal dafür, dass Haus und Garten des Junggesellen umgekrempelt wurden und hat ihm gleich angekündigt, ihn heiraten zu wollen, das haben uns beide später übereinstimmend erzählt. Jürgen musste dann auch einen Führerschein machen. Etwa zwei oder drei Jahre danach fragten wir ihn und er erzählte uns, er habe den Führerschein wieder zurückgegeben. Warum? Er soll auf der Autobahn rechts überholt haben, das sah er allerdings anders, bezahlte seine Geldstrafe und wollte seinen Führerschein dann auch nicht mehr.

Nie wieder Fernsehen!
Im Frühjahr 1985 fragte der NDR bei uns an, ob wir bereit wären, in unseren Räumen die Herstellung einer Zeitung filmen zu lassen, jedoch mit den alten Maschinen, die wir schon lange so nicht mehr benutzten. Wir würden auch
1.500 DM dafür erhalten. Na klar, dachte ich. Ich weiß ja, wie das zu passieren hat. Wir sagten also zu – ohne zu ahnen, was da auf uns zukommen würde. Erst einmal mussten wir den ausgedienten Perforator wieder aufstellen, um darauf die Texte auf Lochband zu tippen. Die Intertype-Setzmaschine musste auch wie vor Jahren wieder arbeiten und in der Druckerei wurde alles Mögliche umgeräumt. Die Stube meiner Mutter wurde als
Umkleide- und Schminkraum in Beschlag genommen und unten auf dem Flur wurde auf langen Schienen eine Kamera – auf der ein Fachmann saß – so gefahren, dass ins Büro und den gegenüberliegenden Setzraum hinein gefilmt wurde. Es konnte also auch kein Kunde mehr unser Haus betreten.
Eigentlich sollte ja meine Frau ihren Part, den sie sonst hatte, selbst spielen, aber ohne mit ihr vorher zu sprechen, hatte man eine rothaarige Schauspielerin namens „Frau Dreyer“ für diese Rolle mitgebracht. Jede Szene wurde einige Male durchgespielt, bis sie endlich im Kasten war. Mein Stichwort war einmal „Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern.“ Daraufhin hatte hatte ich wiederholt vor der Schauspielerin mit der Faust auf den Schreibtisch hauen müssen zu den Worten: „Ist der Artikel jetzt endlich fertig?“ Das hätte meine Frau bestimmt nicht mitgespielt.
Das Telefon hatte ich ja auch noch abstellen müssen, für eine ganze Woche, damit das Klingeln die Filmaufnahmen nicht stört! Ute reichte es, dass sie mich telefonisch nicht erreichen konnte und sie erschien dann gegen Abend von zuhause entsprechend geladen. Und meine Frau wurde barsch mit den Worten empfangen: „Was wollen Sie? Zutritt verboten! Sie stören!“ Aber nicht nur das hat sie geärgert, sondern auch, dass wir in wenigen Stunden unseren Sohn Christoph in Lüneburg abholen sollten. Er kam zurück aus Australien, wo er als einziger 18-Jähriger Deutschland vom C.I.S.V. vertreten hatte. Und ein Ende der Filmerei war nicht abzusehen.
Dem Aufnahmeleiter war das Ganze peinlich und weil ich als „Hauptstar“ unentbehrlich war, fuhr er mit meiner Frau nach Lüneburg, um Christoph abzuholen und kaufte ihr auch noch einen überdimensionalen Blumenstrauß. Auf den hätte sie gern verzichtet. Auch die 1.500 DM erhielten wir prompt, aber mich hat es 3.000 DM für Monteurstunden gekostet, hinterher alles reparieren zu lassen. Also, nie wieder Fernsehen!